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Ernährungssouveränität

Das Gegenprojekt zur neoliberalen Landwirtschafts- politik. Fair zu Produzenten, Konsumenten und der Natur.

Home » Ernährungssouveränität

Unser Überfluss macht andere hungrig.

Eingereicht on 16.10.2012 – 08:38 3 Comments
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Gehören Sie wie ich zu jenen Konsumenten, die darauf achten, Fleisch aus Schweizer Produktion zu kaufen? Dann habe ich News für Sie: Auch Schweizer Rind ist heute brasilianisches Fleisch. Immerhin importieren wir täglich 700 Tonnen Soja als Tierfutter allein aus Brasilien. Der offizielle Selbstversorgungsgrad von sechzig Prozent blendet aus, dass für die Produktion von Futtermittel im Ausland über 200’000 Hektaren Land benötigt werden. Das entspricht fast nochmals der Schweizer Ackerfläche.
Dass Länder ihre Äcker auslagern, ist nicht einzigartig. Neuerdings wird vermehrt nicht bloss Futtermittel importiert, sondern der fruchtbare Boden gleich direkt gekauft oder gepachtet. Ein Modell, das China in Afrika im grossen Stil erprobt. Aber auch Schweizer Konzerne machen mit bei diesem Landgrabbing. Zwei Beispiele: Glencore bewirtschaftet in Ländern wie Paraguy, der Ukraine oder Kasachstan insgesamt 300’000 Hektaren gekauftes oder gepachtetes Land! Und der Schweizer Agrotreibstoff-Konzern Addax Bioenergy hat 2010 mit Sierra Leone für 275 Mio US$ einen Pachtvertrag über 10’000 Hektaren Land abgeschlossen und wird dort jahrzehntelang Ethanol aus Zuckerrohr produzieren. Nahrung für die hungrigen Schlünde unserer europäischen Benzintanks. Finanziert von Entwicklungsbanken. Und dies, wie «Brot für alle» anmerkt, in einem Land, wo Mangelernährung herrscht.
Landgrabbing ist der neueste Exzess einer negativen Globalisierung. Lange Zeit wurde vor allem der Agrarfreihandel gefördert. Länder, die Kredite brauchten, wurden von ihren Kreditgebern angehalten, den eigenen Agrarmarkt für Importe zu öffnen und umgekehrt selbst Produkte für den Weltmarkt zu produzieren. Beides hatte negative Konsequenzen.

Die konkreten Probleme des Agrarfreihandels

Schauen wir zuerst an einem konkreten Beispiel, welche Folgen der Zwang zur Öffnung der Agrarmärkte für die Länder im Subsahara-Raum hatte. Von 1985 bis 2005 haben Billigexporte aus dem Norden in diese Länder zu Einkommensverlusten der dortigen Bauern von 272 Milliarden US$ geführt. Dieselbe Zahl finden wir in einer ganz anderen Statistik wieder. Die Entwicklungsorganisation Christian Aid hat berechnet, wieviel die Entwicklungshilfe für die gleichen Länder in derselben Zeitspanne betrug: auch 272 Milliarden US$. Im Klartext: Der Export von subventionierten Überschüssen der industriellen Landwirtschaft zu Dumpingpreisen zerstörte gewachsene Selbstversorgungsstrukturen – die Verursacher versuchten danach, dies durch Entwicklungshilfe zu kompensieren.
Aber auch die forcierte Ausrichtung der Produktion auf den Weltmarkt hat negative Folgen. Jahrelang wurde vielen Ländern einzig der Kaffeeanbau empfohlen. Es entstanden Überkapazitäten, der Preis fiel zusammen, die betroffenen Staaten erlitten massive finanzielle Verluste.

«Ernährungssouveränität» als solidarisches Gegenkonzept

Via Campesina, die internationale Bewegung von Kleinbauern und Landarbeitern, kritisierte darum 1996 am Welternährungsgipfel eindringlich den internationalen Agrarfreihandel. Er führt dazu, dass in Entwicklungsländern immer mehr Kleinbauern ihre Existenz verlieren, die Nahrung für Menschen statt Rohstoffe für den Weltmarkt produzieren. Via Campesina entwickelte das Konzept der «Ernährungssouveränität» als «Recht aller Völker, Länder und Ländergruppen, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik gemäss den Bedürfnissen ihrer Bevölkerung selbst zu definieren, sofern diese keine negative Wirkung auf andere Länder hat.»
In der Romandie ist, nicht zuletzt dank der Bauerngewerkschaft uniterre, dieser umfassende Begriff der Ernährungssouveränität präsent, der auch die Rücksichtnahme auf andere einschliesst. In der Deutschschweiz dagegen wird Ernährungssouveränität oft auf Versorgungssicherheit reduziert. Entsprechend verankerte der Nationalrat in der Agrardebatte zwar diesen Herbst erstmals die Ernährungssouveränität als Ziel der Schweizer Landwirtschaftspolitik im Gesetz. Allerdings in einer amputierten Form, die das solidarische Konzept auf eine Schweizer Igelperspektive reduziert. Genau das brauchen wir allerdings nicht. Wir brauchen keine neue Anbauschlacht und keinen neuen Plan Wahlen. Sondern eine nachhaltige Umstellung der Nahrungsmittelproduktion und des Konsums.

Geniessen wir wöchentlich einen Vegitag!

Wenn wir heute Futtermittel importieren, um hier Überschüsse zu produzieren, die nicht nur den Milchpreis in den Keller sinken lassen, sondern auch wieder in Form von Milchpulver und Butterbergen zu Dumpingpreisen exportiert werden und gewachsene Selbstversorgungsstrukturen anderer Länder kaputt machen… dann geht etwas gewaltig schief. Und unser Fleischkonsum wird nur dann durch die inländische Produktion gedeckt, wenn man die Herkunft der Futtermittel ausser acht lässt.

Gefordert ist hier nicht nur die Politik. Einfluss haben auch Sie als Konsumentin oder Konsument. Es ist ganz einfach. Kaufen Sie lokale und saisonale Produkte. Geniessen sie mindestens einmal in der Woche fleischlose Rezepte. Und kaufen Sie frisch ein. Erfahrungsgemäss sinkt so auch der Anteil jener Lebensmitteln, welche gar nicht erst auf dem Tisch landen, sondern direkt in den Abfall wandern (Stichwort «Food Waste»).

(Dies ist eine leicht überarbeitete Version der Carte Blanche auf dem Politblog von newsnetz auf deutsch und auf französisch)

Quelle: Friends of the Earth Europe, Africa: up for grabs

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3 Comments »

  • Barbara Heuberger sagt:

    Guten Tag Herr Glättli,

    gefreut hat mich Ihr Artikel in PS. Eine Ergänzung habe ich für den Schlusssatz. Es reicht nicht, dass wir lokale und regionale Produkte essen, wir müssen unbedingt biologisch-dynamische Produkte – am besten zertifiziert von Knospe oder Demeter o.ä.) – kaufen und essen. Denn unsere hiesige traditionelle Landwirtschaft vergiftet unsere Böden, unser Wasser, unsere Luft, natürlich auch unsere Nahrung, obendrauf produziert sie immer wieder unnötige Ueberschüsse für die sie Geld vom Staat fordert.
    Und nur wir KOnsumentInnen können das ändern, indem wir keine Produkte mehr aus herkömmlicher Landwirtschaft kaufen. So viel teuerer ist das nicht, das können sich die meisten gut leisten – und es schmeckt besser.
    Machen Sie weiter so!

    Beste Grüsse
    Barbara Heuberger, Zürich

  • Michael Altherr sagt:

    Glättlis Artikel ist ein Paradebeispiel grüner Problembewirtschaftung: Auf einen guten Problembeschrieb lässt Grüngaukler Glättli eine qualitativ richtige aber quantitativ untauglich schwache Massnahmenempfehlung folgen – weil er Nationalrat bleiben und keine Wähler vergraulen möchte: So wird die Problemlösung schon im Ansatz durch politische Reife korrumpiert, dabei aber die Illusion erschaffen und aufrechterhalten, wir würden etwas tun zur Lösung des Problems: Die Nachhaltigkeitslüge macht so die Bewahrung der Schönheit und Vielfalt der Welt und ihrer ökologischen Prozesse vollends unwahrscheinlich. Unsere Nachkommen werden uns verfluchen.

  • Michael Altherr sagt:

    Weniger Fleisch könnte Klima & Umwelt schaden!

    http://euleev.de/lebensmittel-und-ernaehrung/ernaehrungsunsinn-des-monats/465-ernaehrungsunsinn-des-monats-mai-2014-flexitarische-klimatraeume

    Auszug:

    Flexitarischer Fallstrick 1: weniger Fleisch = mehr Fläche

    Ein grundsätzlicher Trugschluss besteht in der Behauptung „Tierzucht raubt Ackerland“ – denn der Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln ist nicht überall möglich: gemäß FAO-Daten lassen sich rund 60% der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche ausschließlich zur Tierernährung verwenden. Verzichtet man zugunsten einer Verringerung des Fleischkonsums auf die Nutzung dieser Flächen, so fehlen in der Folge auch die tierischen Lebensmittel, die daraus entstanden wären als Nahrungsquelle für den Menschen. Sie müssten deshalb auf andere Art ersetzt werden. Auch in unseren Ställen ist das allermeiste Futter Heu, Gras, Stroh und Überreste vegetabiler Produkte, wie zum Beispiel: Orangenschalen, Erdnussschalen, Mühlenabfälle, Reste der Brot- und Backwarenproduktion. Das alles kann der Mensch nicht verdauen und verwerten.

    „Die Behauptung, man würde 10 Kilo Brotgetreide verfüttern“, so Pollmer, „ist völlig gaga.“ Tiere erhalten etwas Futtergetreide (meist Futtergerste), das für den Menschen nicht geeignet ist. Wenn ein Landwirt Brotgetreide anbauen kann, tut er dies, weil es sein Einkommen deutlicher mehrt, als wenn er Futtermittel erntet. Die Menge an Futter, die benötigt wird, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, liegt teilweise bei nur 2 Kilo – wobei das meiste gerade kein Getreide ist. Als Eiweißfuttermittel spielt Rapsexpeller neben Sojaexpeller eine immer wichtigere Rolle. Das Nebenprodukt der Biodieselherstellung, von dem in Deutschland Millionen Tonnen anfallen, kann man entweder verfüttern oder „entsorgen“. Gleiches gilt für die gewaltigen Mengen an Glycerin, die ebenfalls beim „Biodieseln“ anfallen: sie sind ein gefragtes Rinderfutter.

    Flexitarischer Fallstrick 2: mehr Gemüse = mehr Fläche

    Alle Verfechter von „Mehr Obst und Gemüse für ein besseres Klima“ sollten sich eines vor Augen führen: Das meiste Gemüse hat einen Nährwert nahe Null. Dazu haben Salat, Gurken, Tomaten, Spargel et al. einen niedrigen Hektarertrag im Vergleich zu Tiernahrung wie Futterkartoffeln oder Futtergetreide. „Der Ertrag von Spargel liegt pro Hektar bei lediglich 5 Tonnen, bei Futterkartoffeln sind es hingegen 60 Tonnen – und somit 12-mal so viel. Der kalorische Ertrag ist sogar rund 250-mal höher und alles in allem sind auch Futterkartoffeln über den Umweg Schwein für die menschliche Ernährung wesentlich wertvoller als viele Gemüsesorten für den direkten Verzehr“, so Pollmer.

    Hinzu kommt der Dünger- und Pestizideinsatz, der bei Gemüse, Obst und Brotgetreide weit höher liegt als bei den meisten Futterpflanzen. Bei einem Teil der Futtermittel haben alle diese „Emissionen“ und „Verbräuche“ nichts in der Bilanz zu suchen, da sie der Verwertung von Resten dienen, die bei der Produktion von Erzeugnissen wie Biodiesel, Bier, Haferflocken oder Orangensaft anfallen und sonst extra entsorgt werden müssten. „Außerdem muss massiv bewässert werden, um Salat, Gurke & Co. zu züchten, sodass auch beim Wasserverbrauch pflanzliche Kost nicht besser abschneidet als tierische, sondern häufig sogar schlechter.“ Dies gilt leider auch für die als Alternative gepriesenen Hülsenfrüchte.

    http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/ernaehrungsexperte-udo-pollmer–ich-bin-kein-gegner-von-bio-,10808230,21499360.html

    http://www.zeit.de/lebensart/essen-trinken/2013-06/ernaehrung-diaeten

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